Der 28. Dezember 2023 war ein dunkler Tag in der Geschichte der Detroit Pistons. Ein 122:128 in Boston besiegelte die 29. Niederlage der Saison – und die 28. in Folge, NBA-Negativrekord. Dass eben jene Pistons knapp zweieinhalb Jahre später eine Regular Season mit sage und schreibe 60 Siegen beenden würden, hätte damals wohl niemand für möglich gehalten.
Trotz dieses geradezu märchenhaften Aufstiegs in den vergangenen beiden Spielzeiten war die Offseason in Detroit nicht gerade von übereifernder Vorfreude auf eine glorreiche Zukunft geprägt. Die Seifenoper rund um Jalen Durens Vertragsverlängerung überschattete den Sommer, der Abgang von Tobias Harris, immerhin der zweitbeste Playoff-Scorer der vergangenen Saison, schmerzt. Hinzu kommt der bittere Beigeschmack der Postseason, als man als No-1-Seed mit Ach und Krach die Orlando Magic in sieben Spielen besiegte und anschließend bereits in der zweiten Runde an den Cleveland Cavaliers scheiterte.
Die Pistons offenbarten in diesem schwerfälligen Playoff-Run einige Schwächen, die viele Experten schon während der starken Regular Season prophezeit hatten. Die Last auf den Schultern von Cade Cunningham, der endgültig den Sprung in die Riege der Superstars schaffte, waren phasenweise schlichtweg zu groß. Der 25-jährige Guard stemmte sich nach Kräften gegen gegnerische Defensiven, wurde von seinen Kollegen – allen voran Duren – aber zu oft im Stich gelassen. Die Offense der Pistons war in zu vielen Situationen nicht auf der Höhe: zu wackliges Shooting, zu schlechtes Spacing, zu wenig Feuerkraft an der Seite von Cade.
Werden sich diese offensiven Fragezeichen in den kommenden Monaten ausradieren lassen? Cunningham ist der Batman des Teams, Duren und Ausar Thompson, die beide im Sommer ihre langfristigen Vertragsverlängerungen unterschrieben, sollen weiterhin seine Robins sein. Ungünstig nur, dass Beide keinerlei Gefahr von jenseits der Dreierlinie ausstrahlen und Cade am besten funktioniert, wenn er viel Platz für seine Drives zum Korb hat.
Erschwerend hinzu kommt die Aussicht auf ein brutales Blutbad in der Eastern Conference. Die Knicks marschierten vor wenigen Monaten mit einer historischen Dominanz zur Meisterschaft. Die 76ers, Raptors und Heat haben in der Offseason mit Superstar-Trades ordentlich aufgerüstet. Die Pacers sind nach ihrem Sabbatical im Tabellenkeller wieder zurück im Kampf um die Spitzenplätze. Ganz zu schweigen von Teams wie den Cavaliers und Celtics, die ebenfalls gewisse Ansprüche geltend machen wollen. Wo wird sich Detroit in diesem Kräftemessen einordnen? Und: Selbst wenn sie überraschend die Finals erreichen sollten – wären sie dann mehr als Kanonenfutter für die übermächtigen Thunder oder Spurs?
Bei aller Kritik und berechtigen Sorgenfalten sollte man den Teufel in Detroit nicht zu sehr an die Wand malen. Cunningham feierte vor kurzem seinen 25. Geburtstag, Thompson ist 23 Jahre alt, Duren 22. Das Trio hat seine besten Tage mutmaßlich noch vor sich – und einer der drei Ausnahmetalente zählt schon jetzt zu den zehn besten Spielern des Planeten. Auch wenn der ganz große Wurf aktuell unrealistisch erscheint, könnten sich die Pistons auch in einer deutlich schlechteren Situation befinden. Das wissen sie aus erster Hand – man erinnere sich nur an den 28. Dezember 2023.
